Erde 2204
Ohne eine Filtermaske kann ein Mensch nicht mehr vor die Tür gehen. Ein 100 m²-Apartment zählt als Luxus, den sich nur die oberen 5% leisten können. Die wenigen verbleibenden Naturschutzgebiete des Planeten schrumpfen jährlich. Die Erde ist voll.
Die unter der Last von 22 Mrd. Seelen aufstöhnende Menschheit ringt ums Überleben. Es gibt keinen Lebensraum. Es gibt keine Rohstoffe. Mars und der Jupiter-Saturn-Bund sind unfähig, zu helfen.
Das Ende naht.
Der Astrale Exodus
Der umstrittenen Volkov-Direktive folgend, beendete die gleichnamige Geheimorganisation im Jahre 2189 den Bau an 6 gewaltigen Kolonieschiffen. Mit Langzeit-Kryostase-Kapseln und einem Lazar-Antrieb ausgestattet, sollten diese mehrere Hunderttausend Menschen auf weit entfernte Exoplaneten befördern. Ziel war es nicht, die überbevölkerte Erde zu entlasten – dieser Punkt war längst überschritten – sondern der Menschheit eine Chance auf einen Neuanfang geben.
Die Reise würde, je nach Zielplanet, zwischen 78 und 200 Jahren andauern. Da die Schiffe für den Bau der Kolonien ausgeschlachtet werden sollten, war an eine Reise zurück zur Erde oder zu den anderen Exoplaneten nicht zu denken. Jede Kolonie sollte ihre eigene kleine Blase einer neuen menschlichen Zivilisation werden. Abgeschirmt vom Rest des Universums und hoffnungsvoll einem Neuanfang entgegenblickend.
Im Jahre 2204 starteten die ersten drei Kolonieschiffe auf ihre Jahrzehnte andauernde Reise: Garuda, Yggdrasil und Olympus. Mit Wehmut und Hoffnung in den Herzen machten sie sich auf zu den Sternen, die Erde für immer hinter sich lassend.
Sūryōdaya City
Im Jahre 2293 erreichte das Kolonieschiff Garuda den Orbit von Exoplanet 12, einem fremdartigen, aber friedlichen Planeten von bizarrer Schönheit. Seine Oberfläche war von weiten Meeren, heißen Wüsten und vereinzelten Wäldern bedeckt, die sich aus korallenartigen Lebensformen zusammensetzten. Diese produzierten den Sauerstoff, wodurch die Siedler die Luft des Planeten theoretisch hätten atmen können. Allerdings enthielt diese auch den Stoff Karmenium, welcher sich als giftig für den menschlichen Organismus entpuppte, sodass die Luft nur für wenige Minuten ohne Atemschutz tolerierbar war.
Die erste und bislang einzige Ansiedlung auf dem Planeten wurde auf den Namen Sūryōdaya Citygetauft. Der innere Kern der Kolonie, wie zum Beispiel die Reaktoren und die Lebenserhaltungssysteme, bestand aus den wiederverwerteten Bauteilen der Garuda. Um ihn herum zog sich ein schützender Wall aus Stahl und Beton, der die Siedler vor Sandstürmen und feindseliger Fauna schützen sollte. Die Sorge um Letztere erwies sich jedoch bald als unbegründet, da es kaum Lebewesen auf dem Planeten gab, die einem Menschen gefährlich werden konnten.
Ruinen in der Wüste
Die letzten Kolonisten waren noch nicht einmal aus dem Kryoschlaf geweckt worden, da begaben sich auch schon Forschungsteams auf ausgedehnte Expeditionen, um die Geheimnisse von Exo12 zu lüften. Schon sehr bald stellte sich heraus, dass die bizarren Felsformationen, welche über die Wüstenregionen verstreut waren, keineswegs natürlichen Ursprungs waren. Voller Eifer und Ehrfurcht verkündeten die Wissenschaftler, die Ruinen einer ausgestorbenen, außerirdischen Zivilisation entdeckt zu haben. Form und Wesen dieses ausgestorbenen Volkes war zu diesem Zeitpunkt noch ungewiss. Man gab ihnen den Namen Ka – ein Begriff wie eine alte Erinnerung aus der irdischen Mythologie.
Da der Kolonialrat den Zutritt zu den Ruinen strengstens untersagte und den Forschen somit der Zutritt verwehrt war, blieben den Kolonisten lediglich Spekulationen über den einstigen Zweck dieser Bauwerke. Einige hielten sie für Zugänge zu ausgedehnten, unterirdischen Wohnkomplexen. Andere vermuteten Forschungseinrichtungen, voll gefüllt mit technologischen Wundern, welche den menschlichen Verstand bei Weitem übertrafen. Doch einige hielten die zyklopischen Bauwerke für etwas anderes; etwas finsteres. Sie blickten verunsichert zu den Ruinen empor – und sprachen von Grabstätten.
Tomb Warriors
Mit d sauerstoffreichen, aber dennoch giftigen Atmosphäre von Exo12 stand die Menschheit erneut vor einem Scheidepunkt: Sollten sie auf ewig dazu verdammt sein, sich in ihren Hab-Einheiten zu verkriechen und sich nur mit Umweltanzügen nach draußen zu wagen? Oder sollten sie die Erbsünde von Neuem begehen und das empfindsame Gleichgewicht ihrer neuen Heimat aufs Spiel setzen?
Was anfangs noch als reine Vorsichtsmaßnahme galt – ob aus Angst, Pragmatismus oder bürokratischer Trägheit – wurde unter dem Druck wachsender Unruhen seitens der Kolonisten überdacht. Als die Lebensqualität in Sūryōdaya City rapide sank, erlaubte der Rat schließlich erste Expeditionen ins Innere der außerirdischen Ruinen. Mit Hilfe der Alien-Technologie erhoffte er sich, die Zwickmühle, in welcher sich die Kolonie befand, zu durchbrechen. Alles, was die Ruinen in ihrem Inneren verbargen, sollte dazu genutzt werden, die Lebensqualität der Kolonisten zu verbessern, ohne dabei die Ökosysteme des Planeten zu stören. Daher gestattete es der Rat im Februar 2301 ausgewählten Individuen, altertümlichen Bauwerke zu betreten, um außerirdische Relikte zur Untersuchung in die Kolonie zu bringen.
In offiziellen Berichten wurden diese Individuen als Xeno-Exploratoren bezeichnet. Die wenigen, die die Ruinen betreten und lebendig wieder verlassen hatten, gaben sich einen anderen Namen: Tomb Warriors.
Halyx Interstellar
Zum Zeitpunkt des Aufbruchs von der Erde war Halyx Interplanetary der größte Megakonzern des Sonnensystems. Mit rund 3,4 Milliarden Angestellten und Niederlassungen auf Erde, Mars, Titan, Ganymed sowie diversen orbitalen Plattformen kontrollierte Halyx Interplanetary über 60 % der Ressourcenförderung und interplanetaren Transporte im inneren Sonnensystem.
Eines der Nebenziele des Astralen Exodus war es, zu verhindern, dass die Geschicke der Menschheit weiterhin von kalten, mitleidlosen Systemen wie jenen der Megakonzerne gelenkt wurden. Eine Expansion dieser Konzerne auf die Exoplaneten war daher strengstens untersagt.
Dennoch gelang es einer Zelle von Halyx Interplanetary, sich auf die Passagierliste der Garuda zu schmuggeln und gründete noch während der Überfahrt die offiziell unabhängige Firma Halyx Interstellar. In Sūryōdaya City betreibt der Konzern einen Handelsposten für laborgezüchtetes Gemüse sowie eine Personalvermittlung für sämtliche in der Kolonie anfallenden Arbeiten. Doch ihre Präsenz geht tiefer: Wer in Sūryōdaya City Zugriff auf Ressourcen, Transport und Fachpersonal haben will, kommt an Halyx schwer vorbei. Unter der Oberfläche hat Halyx ein undurchsichtiges Spinnennetz aus Kontaktleuten, Spionen und Söldnern gesponnen, das bis in die Büros des Kolonialrats reicht.
Was als Ideal eines selbstbestimmten Neuanfangs begann, war bereits zur Farce geworden, ehe die ersten Menschen einen Fuß auf den Planeten setzten. Zwischen Konzerninteressen, politischen Grabenkämpfen und wachsendem Überlebensdruck wirkt der Traum von Unabhängigkeit wie ein Relikt – genau wie die Ruinen selbst. Inoffiziell weiß man längst, dass Halyx seine Finger tief in der Kolonie verankert hat. Ein offenes Vorgehen gegen den Konzern würde jedoch bedeuten, die eigenen Prinzipien zu verraten – oder zuzugeben, dass sie längst nichts mehr bedeuten.
Da bislang kein offizieller Funkkontakt mit der Erde etabliert wurde und Raumfahrt zur Heimatwelt ausgeschlossen ist, liegen die wahren Motive von Halyx Interstellar im Dunkeln. Allerdings scheint der Konzern seit einiger Zeit ein auffallend starkes Interesse an den außerirdischen Ruinen zu zeigen. Halyx´s Pressesprecher streiten dies jedoch ab.