Vor einiger Zeit habe ich euch das Solo-Horror-Spiel Rebecca walks home at night vorgestellt. Auf ihrer nächtlichen Heimreise begegnet Rebecca im Grundspiel fiesen Gestalten wie dem maskierten Mörder oder einem (vermutlich außerirdischen) Schleimmonster. Doch wie schlägt sie sich in den beiden Expansions-Sets „The Woods“ und „The Abyss“?
Inzwischen werden das Grundspiel und die beiden Expansionen nur noch als Bundle auf wilhelminiatures.com verkauft. Wer allerdings nur das Grundspiel zuhause hat, dem schickt Helge die Expansionen gerne auf E-Mail-Anfrage zu.
Rebecca walks home at night - Mut zur (Regel-)Lücke
Nun wollen wir endlich die Kernfrage dieses Artikels beantworten: „Sind die Erweiterungen für Rebecca walks home at night gut“
Die Antwort ist… nein. Zumindest nicht ohne Hausregeln. Beide Erweiterungen haben harte Balancing-Probleme und greifen beide auf Regeln zurück, die nicht im Grundregelwerk verankert sind.
Fangen wir zuerst mit den Regellücken an. Eins vorweg: Es ist gut möglich, dass dieses Problem inzwischen gar nicht mehr aktuell ist. Das Regelwerk, welches ich besitze, stammt aus der Kickstarter-Kampagne und es ist absolut möglich, dass diese Regellücke in neueren Versionen (sollte es diese geben) ausgebügelt ist.
ABER: Im Regelwerk wird beschrieben, dass, wenn ein Monster auf der Straße erscheint, Rebecca die Wahl hat, es im Kampf zu konfrontieren oder wegzulaufen. Es ist nirgends beschrieben, dass sie die Wahl hat, aus einem aktiven Kampf zu fliehen. Laut Regelbuch ist es entweder Kampf oder Flucht, nicht beides. Allerdings ist eine solche Regelung absolut notwendig, um beide Expansionen von Rebecca walks home at night spielen zu können. Hier beide Situationen:
The Woods: Der Werwolf, dem man in The Woods begegnen kann, ist absolut immun gegen jede Form von Schaden. Zusätzlich bekommt er +1 auf seine Bewegung. Rebecca hat also keine Wahl, als vor ihm davon zu rennen. Wenn sie letztlich doch von dem Monster eingeholt wird und ein Kampf beginnt, ist es unmöglich, ihn zu bezwingen. Der einzige Weg, aus dem Werwolf keine Insta-Death-Mechanik zu machen (und wir gehen nicht davon aus, dass dies gewollt ist), ist es, vor ihm zu fliehen, selbst, wenn der Kampf bereits im Gange ist.
The Abyss: In dieser Erweiterung spielen zwei Mechanismen zusammen, welche die Flucht-Problematik auslösen. Einerseits gibt es keinen Monsterkartenstapel. In The Abyss teilen sich Ereignisse bzw. Gegenstände und Monster einen gemeinsamen Kartenstapel. Betritt Rebecca also ein Ereignisfeld und zieht dadurch eine Monsterkarte, so erscheint die entsprechende Kreatur sofort auf dem Ereignisfeld und ein Kampf beginnt. Zweitens: Anders als im Grundspiel können in The Abyss mehrere Monster gleichzeitig auf dem Spielfeld anwesend sein. Um aber mehrere Monster auf dem Spielfeld zu haben, muss Rebecca zwingend aus einem vorherigen Kampf geflohen sein. Hier fehlt also offensichtlich eine Regel, die beschreibt, dass man aus dem Kampf fliehen kann und wie man dies Spielmechanisch abarbeitet.
Lösung: Die Hausregel hier ist recht einfach. Anstatt in einem bereits laufenden Kampf anzugreifen, kann sich Rebecca entscheiden, zu fliehen. Ab hier gelten dann die normalen Regeln für Flucht.
Frustrierender Balanceakt
Was das Grundspiel angeht, so ist das Balancing nahezu perfekt. Man merkt, dass sich die Macher von Rebecca walks home at night viele, viele Abende mit Testspielen um die Ohren geschlagen haben, um ein Spiel zu kreieren, das herausfordernd, aber fair und absolut schaffbar ist (wenn man mal Würfelpech ignoriert).
Die beiden Erweiterungen dagegen machen das Spiel derartig schwer, dass es nur durch enormes Würfelglück zu meistern ist. In einem Durchlauf mit beiden Expansionen beißt sich Rebecca auf ihrem Heimweg geradezu die Zähne aus. Ihre drei Lebenspunkte sind absolut ungenügend, um sich den insgesamt acht Gegnern zu stellen, die im Spielverlauf auf sie warten. Und hier darf man nicht vergessen: Der Geist kann nach dem Tod wieder erscheinen, der Werwolf kann nicht im Kampf besiegt werden und die Monster in The Abyss kommen in Scharen. Der Heiltrank, den man in The Abyss finden kann, ist hier nur ein schwacher Trost (wenn man ihn denn überhaupt findet). In The Woods sucht man vergeblich nach Heilgegenständen.
Lösung: Für jede Erweiterung, die man spielt, erhält Rebecca zu Beginn einen weiteren Lebenspunkt, also insgesamt 5. Keine besonders elegante Lösung, aber es gibt Rebecca zumindest eine Chance, die Nacht zu überleben.
Fazit: Sind die beiden Erweiterungen einen Versuch wert?
Ich persönlich bin kein großer Freund von Hausregeln. Ich spiele Spiele am liebsten so, wie sie vom Hersteller erdacht sind. Wenn ich merke, dass ich selbst Regeln hinzufügen oder zu sehr interpretieren muss, sehe ich das oft als Zeichen von niedriger Qualität des Spiels und lasse es eher liegen. Ich bin nach wie vor ein großer Fan des Grundspiels und Rebecca läuft mindestens einmal pro Monat über meinen Spieltisch. Die beiden Expansionen lasse ich dagegen im Schrank liegen.
Allerdings sind die mitgelieferten Miniaturen ganz große Klasse und ich bin sicher, dass zumindest der Werwolf demnächst in einem meiner Projekte zu sehen sein wird.